Leopold G. Grausam

Bericht von der Ausstellung im Bezirksmuseum Floridsdorf
(C) TV21 / Robert Ebhart 2015

 

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Floridsdorfer Künstler, Kunsthandwerker und Gebrauchsgrafiker
11. September 1911, Wien Floridsdorf – 28. 07. 1980, ebenda



Kindheit und Jugend in der Ostmarkgasse

Leopold Gothart Grausam wurde als drittes Kind einer aus Litschau im Waldviertel stammenden Handwerkerfamilie geboren. Sein Vater Franz Grausam, Maurer und Stukkateur, verbrachte seine Lehrzeit bei der romantischen Rekonstruktion der Burg Kreuzenstein durch Franz Graf Wilczek.

Aufgewachsen im Raum Ostmarkgasse / Satzingerweg, wurde Leopold Grausam durch die damals noch sehr ländliche Umgebung geprägt, lernte früh zu zeichnen und entwickelte eine starke Zuneigung zu Tieren, besonders Pferden, die er beim Fuhrwerksunternehmen Lindmayer täglich beobachten konnte.


Eines seiner ersten künstlerischen Vorbilder war sein Onkel, Johann Grausam, der den Grundstein zum späteren Steinmetzbetrieb auf der Brünnerstraße 129 legen sollte. Hier lernte der achtjährige Leopold Grausam die verschiedenen Schriftarten kennen und konnte die Praxis der Steinbearbeitung erleben.
Mit zehn Jahren wirkte er als Statist bei den Dreharbeiten für den Monumentalfilm „Sodom und Gomorrha“ am Laaer Berg mit, Eindrücke, die ihn sein Leben lang begleiten sollten.


Mit ca. fünfzehn Jahren lernte er vielleicht eines seiner wichtigsten Vorbilder, den akademischen Bildhauer Theodor Stundl, kennen, der 1928 mit seinem Schubert-Brunnen einen größeren Bekanntheitsgrad erlangen sollte.

 

Lehre als Graveur

Leopold Grausam erlernte den Beruf des Graveurs und Ziseleurs, schloss die Lehre 1930 mit der Gesellenprüfung erfolgreich ab, wurde aber am 10. 01. 1930 wegen der schlechten Auftragslage entlassen. Erst im Herbst 1931 bekam er vorübergehend einen Arbeitsplatz bei der Goldwaren-Erzeugung Sigmund Singer, Wien V. Eines seiner Werke aus dieser Zeit, eine Kupferschale, befindet sich heute im Museum der angewandten Kunst (MAK).


Schutzbund, Verteidigung des Nordbahnhofes und Haft
Aus starkem Gerechtigkeitssinn trat er dem Republikanischen Schutzbund bei. Am 12. Februar 1934 beteiligte sich Leopold Grausam an der Verteidigung des Nordbahnhofes und wurde verhaftet. Nachdem sich die Schutzbündler von ihren Anführern im Stich gelassen fühlten, traten viele der kommunistischen Partei bei, so auch Leopold Grausam.


Von August 1934 bis Februar 1935 verbüßte er seine Strafe im Anhaltelager Wöllersdorf.
Immer aber hatte er sein Skizzenbuch dabei und hielt Szenen und Eindrücke zeichnerisch fest.
Neben seiner künstlerischen Tätigkeit als Graveur, Maler, Holzschnitzer u.v.m. nahm er immer wieder Beschäftigungen auf, z.B. bei der Gasgesellschaft. Während des zweiten Weltkrieges war er Anstreicher im Gaswerk Leopoldau, nach dem Krieg schließlich 1946 Technischer Zeichner bei der Firma Steiner & Co, Bau- und Möbeltischlerei und Holzspielwarenerzeugung.


Zweiter Weltkrieg
Am 23. September 1939 heiratete Leopold Grausam Stefanie Theimer, geb. 1916, Cousine des Vortragskünstlers Toni Strobel.
Am 3. Mai 1940 erhielt er den Einberufungsbefehl, am 18. September 1940 kam er ins Lazarett. Vermutlich aufgrund der damaligen Verwundung fehlte ihm seitdem ein Teil des rechten Fußes.
Leopold Grausam wurde zum militärischen Begleitschutz für die Tankwagen von Leopold Stroh abkommandiert und konnte seine Frau Stefanie, die am 16. Juni 1944 beim Bombenangriff auf die Glühlampenfabrik Elix verschüttet wurde, regelmäßig betreuen.


Am 31. Jänner 1945 wurde Leopold Grausam als fünfzigprozentiger Kriegsinvalider vom aktiven Wehrdienst entlassen.

 

Am 07. 05. 1946 wurde sein Sohn, Leopold Franz Grausam (†2010), geboren, der später ebenfalls, wie Onkel und Cousin, das Steinmetzhandwerk erlernen und sich auch als Bildhauer, Maler, Grafiker, Bühnenbildner, Schauspieler, Autor und Puppenspieler etablieren sollte.


Besatzungszeit: Kulturreferent von Floridsdorf
Nach Kriegsende stellte Leopold Grausam zusammen mit Kollegen eine provisorische Polizeimannschaft auf, um Plünderungen und Übergriffe zu verhindern. Als sich die Besetzung Floridsdorfs durch die Rote Armee festigte, meldete sich Leopold Grausam mit seiner provisorischen Polizeimannschaft in der russischen Kommandantur, konnte als Mitglied der KP zwischen der Wiener Bevölkerung und den russischen Besatzern erträgliche Verhältnisse schaffen, wurde er mit der Verteilung von Lebensmitteln an besonders Bedürftige betraut und für die Dauer der Besatzungszeit zum Kulturreferenten von Floridsdorf bestellt.


Neben Transparenten für den Ersten Mai und Plakaten für die Abrüstung schuf Leopold Grausam nach Kriegsende mehrere Denkmäler:
24. August 1945: Enthüllung des Denkmals für die Blutopfer des Faschismus im Wohlfahrtsgebäude des Gaswerkes Leopoldau durch Vizebürgermeister Paul Speiser
2. Juli 1946: Enthüllung eines Denkmales am Kinzerplatz.
11. April 1948: Enthüllung der Gedenkstätte im Foyer der Österreichischen Staatsdruckerei in Wien 3, am Rennweg 16
3. Mai 1949: Enthüllung einer weiteren Gedenkstätte auf dem damaligen Gelände der Österreichischen Automobilfabrik „Austro Fiat“ in Wien 21, Brünnerstraße 72
Daneben sind auch zahlreiche künstlerische Arbeiten für USIA-Betriebe, Hofherr-Schrantz, Ariadne etc. belegt.


Als selbstständiger Künstler
Ab dem Jahr 1946 ging es mit der selbstständigen künstlerischen Tätigkeit langsam aufwärts.
Sein Cousin Friedrich Grausam betraute ihn mit Gravuren und Diamantritzzeichnungen auf Grabsteinen, die Möbelfirma Pellet ließ von ihm Entwürfe, Bauernmalerei und Holzschnitzereien anfertigen. Er war bei zahlreichen Floridsdorfer Betrieben ein gern gesehener Auslagendekorateur: Bastelstube Böhm, Juwelier Gunsam, aber auch für zahlreiche Firmen und Institutionen, wie z.B. die Kinderfreunde, schuf er Dekorationen und für manche Theaterproduktion die Bühnenbilder. In den Fünfziger- und Sechziger Jahren stattete er das Strandgasthaus Birner mit Werbetafeln und Gemälden aus. Oftmals wurde seine Arbeit mit Naturalien entlohnt; Karl Birner etwa brachte regelmäßig selbst gefangenen Fisch.


Eine seiner künstlerischen Hauptbeschäftigungen wurde die Brandmalerei. So gestalteten er und seine Frau oftmals im Akkord Urlaubsandenken, wie Holzteller, Schmuckkästchen u. ä.


Daneben kamen immer wieder Kunden, um eines seiner Ölgemälde zu kaufen, oder um sich porträtieren zu lassen. Oder Spielzeug. Leopold und Stefanie Grausam hatten schon früh begonnen, Trachtenpuppen und anderes Spielzeug herzustellen, so auch Handpuppen und Marionetten, schließlich die erste Ausstattung für das spätere Marionettentheater Märchen an Fäden.
Eine weitere Spezialität Leopold Grausams waren Wandmalereien. Gasthäuser und Heurigenlokale nahmen seine Arbeit gerne in Anspruch und ließen nach seinem Entwurf Zeitungsannoncen und Servietten drucken. Zahlreichen Wohnungen verlieh er mit mediterranen Ideallandschaften eine träumerische Weite, und es ist nicht verwunderlich, dass seine letzte öffentliche Aufgabe die Gestaltung der Eingangshalle der ITT, heute Alcatel, 1971 in Strebersdorf, war.


Sein persönliches Resümee (1980): „Auf eines bin ich stolz. Ich habe nie in meinem Leben auf Menschen geschossen. Nicht einmal im Krieg!“